18 | 12 | 2017
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Zeittafel

Vilnius – Wilno – Wilna – Wilda – Vilne – eine Stadt mit vielen Namen

Die Stadt, die wir hier beschreiben, hat immer wieder andere Namen getragen. Die ältesten deutschsprachigen Quellen sprechen von „Wilda“, das litauische „Vilnius“ wird in der frühen Neuzeit infolge des geringen schriftlichen Gebrauchs des Litauischen europaweit durch poln. „Wilno“, russ. „Vil’na“ und dt. „Wilna“ verdrängt. Die jüdischen Einwohner nannten ihre Stadt „Vilne“. Nach 1945 setzt sich immer stärker die offizielle Bezeichnung „Vilnius“ durch, ohne aber die anderen Namen für die Stadt völlig zu verdrängen.
Wir sprechen in unserem Literarischen Stadtführer meist von „Vilnius“, verwenden aber für spezifische historische Kontexte, etwa für den Streit um das „Wilnagebiet“, die polnische Stadt der Zwischenkriegszeit oder das „Wilnaer Getto“ alternative Bezeichnungen, da sich diese Terminologie im Deutschen eingebürgert hat. Hinter all diesen Bezeichnungen steckt die historische und aktuelle Vielsprachigkeit und Multikulturalität, die jede Beschäftigung mit der Stadt, ihren Literaturen und Kulturen so reizvoll macht und auch uns bei der Erstellung des Literarischen Führers immer wieder begeistert hat.

Zeittafel

1009

Erste schriftliche Erwähnung von „Litauen“ in den Quedlinburger Annalen

1236 Sieg der Samogitier (Žemaiten) in der Schlacht bei Saule; Beginn des 200jährigen Konflikts zwischen
dem christlichen Deutschen Orden und den nichtchristlichen Litauen
1253 Erhebung des 1251 konvertierten Mindaugas zum (einzigen) König von Litauen durch den Papst;
Erlaubnis für Christen, sich in Vilnius niederzulassen; Bau katholischer und orthodoxer Kirchen in Vilnius; Entstehung des (katholischen) Bistums Vilnius
–1263 Großfürst Mindaugas
1295–1316 Großfürst Vytenis (Witen)
1316–1341 Großfürst Gediminas
1320 Einweihung der Nikolai-Kirche in Vilnius, die von den Deutschen der Stadt genutzt wird
1322/3 Verlegung der Hauptstadt von Trakai nach Vilnius; Ausfertigung der „Gediminas-Briefe“ mit der Einladung an ausländische Kaufleute und Handwerker,
sich in der Stadt niederzulassen
1345–1377 Großfürst Algirdas (Olgierd)
1365, 1375, 1377, 1383 Zerstörung der Stadt durch Deutschordensheere
1390, 1392, 1394, 1402 Belagerungen der Burg durch Deutschordensheere
1377–1434 Großfürst Jogaila, ab 1386 König von Polen
1385/6 Unionsvertrag von Kreva, Konversion des litauischen Großfürsten Jogaila (poln. Jagiełło) zum Katholizismus,
Heirat mit der Königstochter Jadwiga (Hedwig) und Erhebung zum König von Polen; Taufe der litauischen Eliten; ´
Personalunion zwischen Polen und Litauen
1387 Verleihung Magdeburger Stadtrechts
1392/1401–1430 Vytautas (poln. Witold, ca. 1350–1430 in Vilnius amtierender Großfürst; Jogaila, der in Krakau residiert und Vytautas, der in Vilnius sitzt, teilen sich die Herrschaft
1397/8 Ansiedlung von Karäern und Tataren aus der Schwarzmeerregion in Vilnius und Umgebung
1410 Schlacht von Tannenberg (poln. Grunwald, lit. Žalgiris); Niederlage des Deutschen Ordens gegen ein polnisch-litauisches Heer;
Ende der Bedrohung der Stadt durch den Deutschen Orden
1440–1492 Großfürst und König Kazimiras (poln. Kasimir IV.)
1469 Gründung des Bernhardinerklosters (Franziskaner-Observanten) in Vilnius
1492–1506 Großfürst Aleksandras (Alexander)
1503–1522 Errichtung einer drei km langen Stadtmauer gegen die tartarische und moskowitische Bedrohung; das frühneuzeitliche Vilnius hat ca. 20.000 Einwohner
1506–1548 Großfürst und König Zygimantas II. (Sigismund I.)
1522 Einrichtung der ersten Druckerei der Stadt durch Francisk Skaryna
1539 Einrichtung eines protestantischen Kollegiums durch Abraham Culviensis (Abraomas Kulvietis, poln. Abraham Kulwieć);
1542 muss A. nach Angriffen durch den katholischen Klerus die Stadt verlassen
1548–1572 Großfürst und König Zigimantas III. Augustas (Sigismund II. August)
1550er Entstehung protestantischer Gemeinden in der Stadt
1551–1565 Nikolaus „der Schwarze“ Radvila (Radziwiłł, 1515–1565) Woiwode (Palatin) von Vilnius; 1555 Publikation der protestantischen Confessio fidei durch ihn
1557/8 Abhaltung einer reformierten (calvinistischen) Synode in Vilnius; Gründung eines reformierten Kirchenverfassung für das Gftm. Litauen
1565 Antitrinitarische Synode in der Stadt
1569

Realnion von Lublin: mit der Errichtung zentraler Institutionen vor allem in Warschau verliert Vilnius an Bedeutung;
die Großfürsten-Könige halten sich in Zukunft nur selten in der Stadt auf

1569 Niederlassung der Jesuiten in der Stadt
1570 Gründung eines ersten Kollegs durch die Jesuiten
1572 Die Dynastie der Gediminen-Jagiellonen stirbt in männlicher Linie aus
1575–1586 Großfürst und König Stefan Báthory
1576–1584 Nikolaus „der Rote“ (lit. „der Braune“) Radvila (Radziwiłł, 1512–1584) Woiwode (Palatin) von Vilnius
1578/9 Gründung der Universität als Alma Academia et Universitas Vilnensis Societatis Iesu, als Jesuitenkollegium
1587–1632 Großfürst und König Sigismund III.
1596 Union von Brest: Die orthodoxe Hierarchie unterstellt sich dem Hl. Stuhl unter Beibehaltung des orthodoxen Ritus;
Spaltung der Orthodoxie in eine Unierte Kirche, die den Hl. Stuhl anerkennt und eine Orthodoxe Kirche, die an der Eigenständigkeit festhält
1604 Kanonisierung des Hl. Kasimir (1458–1484), der zu einem Schutzpatron der Stadt wird
1611 Ausschreitungen zwischen Katholiken und Reformierten in der Stadt;
Zerstörung des calvinistischen Gymnasiums in der Stadt;
kein Wiederaufbau und das Ende eines protestantischen Schulwesens in Vilnius
1632–1648 Großfürst und König Władysław IV.
1639 Erneut Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Reformierten in der Stadt
1648–1668 Großfürst und König Johann Kasimir
1655–1660 Belagerung, Eroberung, Plünderung und Zerstörung der Stadt durch Moskauer Truppen;
Zerstörung des großfürstlichen Palasts; Pestepidemie und Bevölkerungsrückgang;
kulturell erscheint die Orthodoxie immer stärker als Religion des Feindes
1674–1696 Großfürst und König Johann III. Sobieski
1697–1733 Großfürst und König August II. „der Starke“, zugleich Kurfürst von Sachsen
1700–1721 Vilnius wird im Großen Nordischen Krieg mehrfach von schwedischen Truppen erobert; erneute Pestwelle 1708–1711
1733–1763 Großfürst und König August III., zugleich Kurfürst von Sachsen
1764–1795 Großfürst und König Stanislaus August Poniatowski
1772 Erste Teilung Polen-Litauens
1773 Reform der Universität nach der Auflösung des Jesuitenordens; Umwandlung in die Academia et Universitas Vilnensis
1791 Polnisch-litauische Verfassung vom 3. Mai
1793 Zweite Teilung Polen-Litauens
1794 Kościuszko-Aufstand wird von preußischen und russischen Truppen niedergeschlagen
1795 Dritte Teilung Polens; Vilnius wird russisch
1801 Einrichtung eines russischen Gouvernements Vilna
1803 Institutionalisierung der Universität als „Kaiserliche Universität“ im Russländischen Reich
mit Zuständigkeit für einen Schulbezirk bis in die Zentralukraine;
schrittweise Durchsetzung des Polnischen als Unterrichtssprache
1812 Einmarsch Napoleonischer Truppen in Vilnius, das zum Aufmarschzentrum für den Zug der „grande armee“ nach Moskau wird;
Ende des Jahres kehren die Reste der Armee nach Vilnius zurück
1817 Gründung geheimer Studentenverbindungen, der Filomaten und Filareten, an der Universität; ab 1823 Unterdrückung der Verbindungen
1825 Dekabristenaufstand im Russländischen Reich, auch russische Beamten in Vilnius sind darin verwickelt
1830/1 Novemberaufstand; Niederschlagung durch russische Truppen
1832 Schließung der Universität
1860 Eröffnung der Eisenbahnlinie Petersburg – Vilnius – Warschau mit einem Abzweig nach Königsberg; Vilnius zählt ca. 60.000 Einwohner
1863 Polnisch-litauischer Aufstand
1863–1865 Militär- und Generalgouverneur Graf Michail N. Morav’ev (1796–1866);
militärische Niederschlagung des Aufstandes mit zahlreichen öffentlichen Hinrichtung in der Stadt
1864 Seit diesem Jahr massive Russifizierung der Stadt; Verbot des Polnischen und des Litauischen mit lateinischen Buchstaben in der Öffentlichkeit;
Druckverbot für litauische Bücher mit lateinischen Lettern
1905 Revolution; im Oktober Generalstreik in der Stadt; Tagung des litauischen Großen Seimas in der Stadt
1912 Die Stadt hat ca. 200.000 Einwohner
1915 18. September Besetzung der Stadt durch deutsche Truppen
1917 Einrichtung des Litauischen Landesrats (Taryba) in Vilnius
1918 16. Februar Unabhängigkeitserklärung der Taryba; 31. Dezember Abzug der letzten deutschen Truppen
1919  1. Januar Hissen der litauischen Flagge auf dem Burgberg; 5. Januar Einzug der Roten Armee in der Stadt
1919 21. April Besetzung der Stadt durch polnische Truppen
1920 14. Juli Polnische Truppen räumen die Stadt; 15. Juli Litauische Truppen ziehen ein
1920 9. Oktober Polnische Freikorps erobern die Stadt
1922 Anschluss der Stadt an Polen; Litauen erkennt die Eingliederung nicht an
1925 Bildung der Woiwodschaft Wilna
1939 23. August Im Geheimen Zusatzprotokoll zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion wird Vilnius der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen
1939 18. September Die Rote Armee marschiert in Vilnius ein; im Oktober wird Vilnius an Litauen übergeben; sowjetische Truppen werden in Litauen stationiert
1940 14. Juni Sowjetisches Ultimatum an Litauen: Annexion Litauens
1941 14. Juni Beginn systematischer Deportationen ins Innere der Sowjetunion
1941 21. Juni Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion; 24. Juni Eroberung der Stadt durch deutsche Truppen; Morde insbesondere an jüdischen Bewohnern
1941 6. September Einrichtung zweier Ghettos in der Altstadt
1943 17. März Schließung der Universität durch die deutschen Besatzungsbehörden
1943 23. September Auflösung des Gettos; Ermordung bzw. Deportation der noch lebenden Juden
1944 13. Juli Eroberung der Stadt durch die Rote Armee; Einrichtung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik mit Hauptstadt Vilnius;
in der Stadt leben ca. 110.000 Menschen
1944 22. September Abkommen zwischen der sowjetischen Regierung und dem polnischen Lubliner Komitee über die Aussiedlung der Polen aus Vilnius;
bis 1946 verlassen ca. 60.000 Polen die Stadt
1944 Oktober Wiedereröffnung der Universtiät als staatliche Universität durch die Sowjets
1949 Auflösung des Jüdischen Museums
1953 Spätestens nach dem Tode Stalins gelingt es der Litauischen Kommunistischen Partei, die litauische Sprache in der Öffentlichkeit fest zuverankern
1959 In der Stadt leben ca. 265.000 Menschen
1985 Michail Gorbatschow wird Generalsekretär des Zentralkomitees der KP der Sowjetunion; Beginn von Perestrojka und Glasnost
1986 23. August In der Stadt demonstrieren Menschen am Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts gegen die Annexion durch die Sowjetunion
1988 3. Juni Gründung der Sajudis, einem Zusammenschluss aller litauischen Partei; in Vilnius leben ca. 550.000 Einwohner
1990 März Wahlsieg der Sajudis bei den Wahlen zum litauischen Obersten Sowjet; 11. März das neue Parlament erklärt einstimmig die Wiederherstellung
der litauischen Unabhängigkeit
1991 13. Januar Sturm sowjetischer Einheiten auf den Fernsehturm in Vilnius; 14 unbewaffnete litauische Demonstranten sterben
1991 August gescheiterter Putsch in Moskau; internationale Anerkennung Litauens
2004 Beitritt Litauens in die EU
2009 Litauen Kulturhauptstadt Europas; aus Anlass der 1000jährigen Erwähnung des Namens Litauen wird der großfürstliche Palast in Vilnius wiederaufgebaut